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Psychosoziale Betreuung

 

Kognitive Defizite, Krankheiten und Psychodynamiken werden berücksichtigt. Konkrete Konflikte, Belastungen, Verluste oder Verhaltensauffälligkeiten werden bearbeitet. AusbildungskandidatInnen zu Klinischen und GesundheitspsychologInnen arbeiten als Co-TherapeutInnen in der psychosozialen Betreuung mit.

 

Bittersüße Weihnachtszeit, erzählt von Mag. Michael Mattersberger

Bereits ein halbes Jahr begleitete ich Frau Wibmer in einer psychosozialen Therapie, die anfangs sehr herausfordernd war. Frau Wibmer litt nämlich unter einer paranoiden Schizophrenie, die zur Folge hatte, dass sie Menschen gegenüber sehr misstrauisch war und ein Beziehungsaufbau sich daher sehr schwierig gestaltete. Nach zwei, drei Monaten ließ mich Frau Wibmer schließlich länger als eine halbe Stunde bei ihr sitzen, erzählte mir von ihrem Alltag und vertraute mir immer mehr von ihrer Lebensgeschichte an. Stets kam ich an einem Dienstag Nachmittag zu ihr, und wir pflegten mittlerweile ein kleines Ritual, das darin bestand, dass wir zu Beginn miteinander Kaffee tranken und manchmal am Ende der Gespräche eine Platte von Elvis Presley auflegten. Ein paar Monate vergingen, zunehmend entwickelte sich eine sehr gute Beziehung zwischen uns und unsere Gespräche gewannen für Frau Wibmer an Bedeutung.

Schon kurz nach Allerheiligen kamen bei Frau Wibmer erste Weihnachtsfreuden auf. Die Aussicht auf Weihnachten schien sie zu beglücken, sie stellte einige Engel auf, und ich half mit, das Zimmer weiter zu dekorieren.

 

Ich sah es sehr positiv, dass Frau Wibmer einen so hohen Wert darin sah und eine so große Freude erleben konnte. In den Gesprächen mit dem Pflegepersonal erfuhr ich, dass die Weihnachtszeit bei Frau Wibmer stets eine sehr kritische Zeit gewesen sei und sie in den letzten Jahren um Weihnachten herum immer wieder stationär in der Psychiatrie aufgenommen werden musste. Für mich waren mögliche Gründe dafür nicht zu erkennen, und ich konnte durch Weihnachten keine Gefahr auf Frau Wibmer zukommen sehen. Ich thematisierte Weihnachten mit ihr, erfuhr dabei aber sehr wenig über vergangene Weihnachtsfeste von Frau Wibmer, da einerseits ihr Vertrauen offenbar noch nicht groß genug dafür war und sie andererseits aufgrund eines gewissen kognitiven Abbaus oft nicht so zugänglich war.

Die Novembertage gingen sehr unauffällig dahin. Zunächst merkte ich lediglich, dass Frau Wibmer sehr freudig auf das Fest zuging. Dann allerdings sah ich, dass diese Freude zunehmend euphorischer wurde. Anfang Dezember hörte ich sehr irreale Sätze von Frau Wibmer: dass der Kaiser ihr Großvater sei und sie besucht habe, dass sie eine blaublütige Adelsbraut sei und vom Geschlecht Maria Theresias stamme. Solche Aussagen und Gedanken häuften sich nun immer mehr. Parallel dazu wuchs ihr Misstrauen, sodass wir schließlich die Entscheidung trafen, Frau Wibmer wieder stationär in der Psychiatrie aufnehmen zu lassen, damit auch die Schizophrenie medikamentös besser behandelt werden konnte. Als ich Frau Wibmer auf der Psychiatrie besuchte, sah sie in mir einen vom Kaiser gesandten Spion und baute mich nun in ihr Wahnsystem ein. Schweren Herzens musste ich deshalb die Begleitung von Frau Wibmer zurücklegen.

Einige Wochen lang beschäftigte mich der Verlauf der Vorweihnachtszeit bei Frau Wibmer. Ich fragte mich, ob ich etwas übersehen hatte, ob ich sie besser oder anders begleiten hätte können. Mich schmerzte der Therapieabbruch, auch weil sie sonst keine Angehörigen, BesucherInnen oder Vertrauensperson hatte. Nach einigen Monaten erhielt ich von der Pflege des Wohnheims einen Anruf: Frau Wibmer hatte den Wunsch geäußert, mich wieder einmal zu sehen. Gerne kam ich diesem Wunsch nach, ging zu Frau Wibmer und wurde sehr herzlich von ihr begrüßt. Wir nahmen den Rahmen der Betreuung vor der Weihnachtszeit wieder auf. Die Feindseligkeit, die Frau Wibmer während der Weihnachtszeit mir gegenüber gezeigt hatte, war verschwunden. Sie misstraute mir nicht mehr, es war wieder wie vorher. SachwalterInnen und Pflegepersonal entschieden mit mir gemeinsam, dass ich Frau Wibmer wieder begleiten sollte.

Im folgenden Jahr war ich schon im November auf der Hut, die Vorweihnachtszeit! Und ich hatte mich vorbereitet im Laufe des Jahres, hatte Information gesammelt und viele Erfahrungen gemacht. Ich wusste nun, dass Frau Wibmer sehr schwierige und auch schöne Weihnachtszeiten hinter sich hatte. Sie erinnerte sich zu Weihnachten an ihre Eltern, die das letzte Mal Weihnachten mit ihr zuhause gefeiert hatten, als sie 10 Jahre alt gewesen war. Sie erinnerte sich auch an den Schmerz, den sie tags darauf erlebte, als eine Sozialarbeiterin sie von zuhause abholte und wegbrachte, zu Großmutter und Tante auf einen Hof, wo sie nicht gut behandelt wurde und sehr viel arbeiten musste. Ich wusste nun auch, das Frau Wibmer schon sehr früh an Schizophrenie erkrankt war und ihr eigenes Kind ihr auch in der Weihnachtszeit  weggenommen wurde, wieder von einer Sozialarbeiterin, die sie noch heute in ihren Fantasien begleitet. Ich wusste mehr, hatte mehr Erfahrung, und auch meine Beziehung zu Frau Wibmer war gestärkt.

Und dann begann Frau Wibmers Stimmung sich wieder zu verändern. Die Weihnachtszeit wühlte sie wieder auf. Die Sozialarbeiterin meldete sich in ihren Gedanken, sagte ihr, was sie zu tun habe, betrat ihr Zimmer und wurde damit wieder bedrohlich. Oft sprach Frau Wibmer neben mir mit der imaginären Sozialarbeiterin, aber nun wusste ich über die Geschichte dahinter Bescheid und konnte mich unterstütztend einbringen. Ich half Frau Wibmer dabei, den Stimmen in ihrem Kopf entgegenzutreten, indem ich ihr erklärte, dass die Sozialarbeiterin hier im Wohnheim kein Mitspracherecht habe, dass die Pflege tagsüber, die Nachtschwester und ich genau darauf achten, dass dies ein geschützter Raum bleibt, dass die Sozialarbeiterin hier keinesfalls eingreifen könne. Immer wieder besprach ich mit ihr, dass sie nun hier im Wohnheim in Innsbruck sei, wo nichts passieren könne, wo auf sie aufgepasst werde und der Sozialarbeiterin der Zugriff definitiv versperrt sei.

Langsam gewann Frau Wibmer an Sicherheit. Sie kam nicht mehr auf die Psychiatrie, weder zu diesen Weihnachten noch in einem der folgenden Jahre. Konkret widmeten wir uns nun der Bearbeitung von Weihnachten, die zunehmend besser gelang, betrachteten die schönen Seiten von Weihnachten ebenso wie die traurigen, schmerzlichen Seiten, und Frau Wibmer schaffte es immer besser, diese nicht zu vermischen. So konnte sie sich mit schmerzhaften Erinnerungen auseinandersetzen und die Weihnachtszeit dennoch genießen. Für mich war es ein großes Erlebnis zu erfahren, wie Traurigkeit, Schmerz, Freude und Leben ineinander greifen beim Weihnachtsfest.

 

Sicherheit und Halt, erzählt von Mag.a Manuela Zeidler, Klinische und Gesundheitspsychologin in der Gesundheitsschmiede Tirol

Vor ca. zwei Jahren lernte ich Frau C kennen. Damals hatte sie schon mehrere stationäre psychiatrische Aufenthalte hinter sich und eine ambulante Betreuung bereits abgebrochen. Sie lebte noch zuhause, hatte jedoch aufgrund ihrer erhöhten Unruhe und ihrer häufigen Angstzustände  erhebliche Probleme  in der Alltagsbewältigung.  Dies äußerte sich beispielsweise darin, dass sie ihre Angehörigen häufig anrief und zwanghaft Tätigkeiten kontrollierte, deren Unterlassung ihre Sicherheit gefährden könnte – das Abschließen von Türen etwa oder das Abschalten des Herdes. Außerdem machte ihr Schlafmangel zu schaffen, bis dieser medikamentös gut behandelt wurde. 

Kurz nach unserem Kennenlernen durchlitt sie eine schwere Krise. Ihr Mann, der schon lange im Pflegeheim war, verstarb ziemlich plötzlich. Sie konnte sich seinen Tod nicht erklären, wo er doch noch so viel Lebenswillen gehabt hatte. Allerdings war sie froh, dass er nicht stark leiden hatte müssen.
Der Verlust ihres Mannes machte Frau C immer wieder sehr zu schaffen. Sie war sehr froh über meine Unterstützung. Ich konnte ihr bei ihrer Orientierung helfen, indem ich ihr Zusammenhänge von Trauer und Trauerprozessen erklärte, was für sie sehr wichtig war. So konnte sie sich beruhigen und in ihrem Zustand Anzeichen von Trauerbewältigung erkennen.

 

Darüber war sie sehr dankbar. Als sie die schlimmsten Phasen ihrer Trauer überstanden hatte, dachte sie, sie würde nun gut ohne mich zurecht kommen und wollte die Betreuung beenden. Ihren Angehörigen und mir war jedoch klar, dass sie auch nach dieser Krise in ihrer Lebenslage regelmäßige Begleitung brauchte, besonders im Hinblick auf die zwar in abgeschwächter Form, aber doch immer wiederkehrenden Unruhezustände. Wir einigten uns auf weniger Treffen in größeren Abständen. Als dann der Umzug ins Heim vor der Tür stand, zeigte sich, wie wichtig die Entscheidung gewesen war, die Betreuung fortzusetzen.

Frau C war bereits als Kind sehr belesen und interessiert, aber eine höhere Schulbildung konnte ihr leider nicht ermöglicht werden. Aus finanziellen Gründen, heißt es. Frau C erlernte den Beruf einer Schneiderin und war damit nicht sehr zufrieden. Sie mochte die Tätigkeit zwar oft nicht ungern, doch war sie ihr auf Dauer zu einseitig und forderte sie zu wenig. Deshalb versuchte sie ihre Wünsche nach geistig anspruchsvoller Betätigung einerseits durch viel Lesen in ihrer Freizeit und andererseits durch die schulische Unterstützung ihrer Kinder zu erfüllen. Dass die Kinder ihre unerfüllten Wünsche nicht so ausleben wollten bzw. konnten, da sie andere Talente und Interessen hatten, machte ihr sehr oft zu schaffen. Mit viel Fleiß hatte sie sich dafür eingesetzt, ihren Kindern eine höhere Schule und eine ambitioniertere Laufbahn zu ermöglichen, damit sie es einmal besser haben würden als sie. 

Frau C blieb die geistige Beschäftigung als anregendes Hobby: in der Freizeit las sie ein Lexikon nach dem anderen. Auch die Freude am Reisen, die sie mit ihrem Mann teilte, erfüllte sie immer wieder. Heute, so meint sie, wäre sie nicht mehr so mutig, und alles strenge sie auch sehr an. Am liebsten ist Frau C mittlerweile in ihrer gewohnten Umgebung. Sie war es gewohnt viel selbständig zu organisieren und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sie war sehr fleißig, aber auch sehr streng mit sich selbst, da sie, so sagte es ihre Mutter, die Strenge brauche. Sie wäre sonst viel zu unruhig und zappelig. Doch kann die Strenge auch Unruhe erzeugen, nämlich wenn die eigenen Fähigkeiten oder Bedürfnisse den engen Vorstellungen nicht entsprechen. Dies bringt Unsicherheit, Unruhe und Ärger – Ärger mit sich und der Welt sind die Folgen.

Oft versucht Frau C nun mit den Dingen so, wie sie eben sind, zurecht zu kommen, und meist gelingt es ihr auch sehr gut. Sie lebt jetzt im Wohnheim und für ihre Sicherheit ist gesorgt. Eine Belastung weniger, so kann sie es mittlerweile sehen. Doch anfangs hatte sie diese vermeintliche Sicherheit vor allem als Bedrohung und Bevormundung empfunden. Obwohl sie manchmal selbst dachte, dass dieser Schritt nun notwendig sei, zweifelte sich häufig daran und lehnte ihn immer wieder ab. Die Angst, ihre Selbständigkeit, die ihr lebenslang so wichtig gewesen war, verlieren zu können, war sehr groß. Diese Angst war so groß, dass Frau C sich auch nach der Übersiedlung ins Heim noch in ihrer Vorstellung in ihren eigenen, für sie sicheren vier Wänden ihrer Wohnung aufhielt. Das sehr einfühlsame Verhalten der Pfleger_innen und auch das Offenhalten von Alternativen halfen ihr in dieser Situation sehr. Engmaschige Gespräche über die derzeitige Lebenssituation und eine bestmögliche Lösung sowie über Lebensaufgaben im Alter unterstützten sie dabei, sich neu orientieren zu lernen und Vertrauen zu fassen. So konnte sie sich ihrer Situation langsam annähern, ihre neue Umgebung wahrnehmen und diese soweit als möglich annehmen lernen. Frau C Zustand begann sich geradezu sprunghaft zu verbessern, und selbst grobe Stürze und Brüche nahm sie mit Fassung hin, ohne sich unterkriegen zu lassen.

Im Großen und Ganzen geht es Frau C nun im Wohnheim sehr gut, sie fühlt sich wohl und spricht auch sehr oft davon, zufrieden zu sein. Sie geht generell aufmerksam durchs Leben und kann sich jetzt über Vorteile freuen, die sich aus ihrer nunmehrigen Situation ergeben. Dass Kinder ins Heim kommen und vorsingen oder dass es im Wohnhaus eine eigene Kapelle gibt, das sei ja einmalig und wäre bei ihr zuhause nicht möglich gewesen. Herausfordernd ist für Frau C das Knüpfen von Kontakten, wobei ihr das ihr Leben lang eher schwer gefallen sei. Sie sei nie ein Gesellschaftstyp gewesen, sagt sie, und zieht sich auch im Wohnheim oft in ihr Zimmer zurück, um die Ruhe und das Fernsehprogramm zu genießen. Solange sie regelmäßigen Besuch von ihren Angehörigen bekommt, geht dies ganz gut, nur in der Urlaubszeit beginnt es schwierig zu werden. Doch da sind ja wir da, um sie bestmöglich aufzufangen…

 

Ressourcen mobiliseren und Verluste bearbeiten: Rucksäcke tragen mit Frau Amann[1], erzählt von Mag.a Manuela Zeidler, Klinische und Gesundheitspsychologin in der Gesundheitsschmiede Tirol

Frau Amann geht es heute besser als letzte Woche. Sie beginnt nun manchmal von sich aus zu scherzen, ist aber nach wie vor immer wieder traurig. Die Last des Erlebten, insbesondere der traumatischen Erfahrunge im Zweiten Weltkrieg, und der erlittenen Verluste, allen voran des Todes ihres Mannes und des Auszugs aus dem gemeinsamen Zuhause, wiegt schwer. Zur sinnbildlichen Aufarbeitung lade ich sie zu einer Wanderung auf den Patscherkofel ein: Wir erklimmen den 2. Stock ihres Wohnheimes, und Frau Amann beschreibt, es sei sehr mühevoll hinaufzusteigen, da das Schwere, das sie erlebt habe, sie zu Boden drücke. Sie habe keine Kraft mehr, sagt sie.

„Ihr Rucksack, den Sie Ihr ganzes Leben lang mit Belastungen gefüllt haben, ist sehr schwer. Darf ich Ihnen eine Stütze sein beim Tragen?“ frage ich, an ihren Schwindel denkend, und reiche ihr meine Hand. Frau Amann lächelt dankbar und fängt mit sichtbarer Anstrengung an, Stufe um Stufe nach oben zu steigen.

 

Sie kämpft förmlich, ist schließlich ganz außer Atem, aber sie schafft es. Oben angekommen, kann Frau Amann ihren (imaginierten) Rucksack nicht abnehmen, um sich von seinem Gewicht zu erholen, obwohl er sie nach hinten und unten zieht. Hier oben sei es zu kalt und der Rucksack wärme zumindest den Rücken. Außerdem könne man da nichts machen, dass es nun so sei wie es sei, der Rucksack gehöre nun eben zu ihr.

 

Frau Amann und ich erkunden im Gespräch, was ihr beim Tragen helfen könnte, und wir beschließen, dass sie vorne einen zweiten Rucksack trägt, um so ein Gegengewicht zur Last nach hinten zu schaffen. Der vordere Rucksack ist randvoll mit positiven Erlebnissen und Erinnerungen und unterliegt nicht der Schwerkraft, sondern zieht nach oben, stärkt und stützt Frau Amann.

 

Als ich Frau Amann das nächste Mal wieder sehe, ist sie guter Dinge und sehr offen im Gespräch. Sie klagt zwar immer wieder, dass es ihr nicht so gut gehe, aber sie bleibt dieses Mal nicht wie sonst häufig bei ihrer Klage, sondern ist ganz motiviert, die Visualisierung vom letzten Mal wieder aufzugreifen. Auf meine Frage danach, was denn in ihrem schweren Rucksack drinnen sei, beginnt sie aus ihrem Leben zu erzählen. Und während sie mit zunehmender Freude berichtet, schreibe ich mit. Dabei fallen mir Einbußen in Frau Ammans biografischem Gedächtnis auf, die im Laufe des Gespräches weniger werden und beim neuerlichen Besprechen der gleichen Inhalte nicht mehr auftreten, ohne dass ich sie darauf aufmerksam gemacht hätte. Ich frage mich, wann sie das letzte Mal jemandem von ihrem Leben erzählen konnte.

Zu ihrer Mutter fällt Frau Amann nichts Positives ein und sie fängt an sehr detailgenau über schlimme Ereignisse zu sprechen, über Schläge vonseiten ihrer Mutter, ihr heimliches Lesen in der Nacht, da sie untertags helfen musste, obwohl ihr Bruder lesen konnte, wann immer er wollte. Allerdings musste jener dann später an die Front, wie auch ihr Vater, der ihr Ein und Alles gewesen war und den sie im Krieg verlor. An ihn habe sie nur gute Erinnerungen. Er habe beispielsweise immer zur Guten Nacht ein Betthupferl gebracht und sie nie geschlagen, das habe er nicht können. Insgesamt sei der Krieg eine sehr trostlose Zeit gewesen und funktionieren habe man müssen und sich zusammenreißen, wie ihre Mutter es sehr oft von ihr verlangt habe.

 

Dann kam Frau Amann wieder auf den Rucksack zu sprechen und meinte, sie habe ihn bei sich und sie könne ihn nicht einmal auf die Seite legen. Das könne sie einfach nicht. Es stellt sich heraus, dass der Inhalt des stärkenden Rucksacks, der am Patscherkofel vorne war, nun in den hinteren intergriert wurde. Wir besprechen, dass es völlig in Ordnung ist, den Rucksack bei sich zu haben, da dieser ja auch sehr wertvolle Ereignisse und Erinnerungen enthalte und man ihn daher nicht einfach beiseite stellen könne. Es sei gut, immer wieder die eine oder andere Erinnerung auspacken, um sie genauer zu betrachten, da sie dann vielleicht besser verstehbar und annehmbar sei. Möglicherweise verliere es dabei jedes Mal auch etwas von seiner Schwere. Und gleichzeitig lenken wir unsere Aufmerksamkeit gezielt auf die schönen Erlebnisse und Erinnerungen, die wir sammeln, um ein deutliches Gegengewicht zur nach unten ziehenden Schwere herzustellen, damit der Rucksack besser tragbar wird.

 

Eine Woche später sitzt Frau Amann in der Küche, als ich zu ihr komme, und wirkt sehr abwesend und gedrückt. Sie freut sich sehr, mich zu sehen. Sie ist ungewohnt orientierungslos, findet kaum in ihr Zimmer zurück und legt sich im Zimmer gleich auf ihr Bett. Ihr tue alles weh, alles schmerze, sie könne nicht sagen wo, irgendwie sei es auch nicht wirklich ihr Körper, der schmerze, es sei anders; es sei halt so, dass alles zusammen, die ganze Situation schmerzhaft sei. Ihr Magen knurrt laut, sie hört ihn nicht und merkt auch kein Hungergefühl. Frau Amann meint, ich solle bei ihr bleiben, während sie sich nur kurz hinlege, sie sei so müde und erschöpft und schlafe schon fast im Sitzen ein. Sie bleibt lange liegen ohne einzuschlafen und stellt schließlich fest, dass sie einschlafen könne, sie habe nur keine Kraft mehr und wolle einfach nicht mehr. Ich versuche es erneut mit der Rucksackmetapher, auf die sie gleich einsteigt. Frau Amann sagt, der Rucksack sei halt viel zu schwer zu tragen, er drücke sie nieder, sie könne ihn nicht mehr tragen und abnehmen könne sie ihn auch nicht, das lasse sich nicht ändern. Meine Frage nach dem Rucksack mit den guten Erlebnissen, der ihr Kraft gibt aufrecht zu stehen, beantwortet sie damit, jener sei leer. Daraufhin nehme ich die bereits aufgeschriebene Biografie und wir gehen anhand meiner Aufzeichnungen die guten Ereignisse der Vergangenheit durch, die schönen Erinnerungen an ihren Vater beispielsweise. Und schließlich ist es auch möglich, dies ins Hier und Jetzt überzuleiten und auch hier Positives zu finden. Bald ist der „gute Rucksack“ wieder voll und Frau Amann richtet sich im Bett auf und steht auf. Wir besprechen noch die nächsten Tage und als ich mich von ihr verabschiede, begleitet sie mich vor die Türe. Sie bedankt sich sehr herzlich, macht sich aber Sorgen wieder zurückzufinden. Mit einem Finger male ich in ihre Hand den Weg, den sie nun gehen muss. Sie findet ohne Probleme in ihr Zimmer zurück.

 

[1] Der Name wurde geändert. Das Bild auf dieser Seite steht in keinerlei Zusammenhang mit diesem oder einem der folgenden Texte.

 

Ein denkwürdiger Silvesterabend, erzählt von Mag. Michael Mattersberger

An einem Silvesterabend freuten sich meine Frau, die am Neujahrstag Geburtstag hat, und ich darauf, nach längerer Zeit wieder einmal miteinander auszugehen. Meine Eltern waren da, um bei unseren Kindern zu bleiben, und wir waren gerade im Aufbruch, als das Telefon klingelte, und die Pflege anrief, ich solle bitte schnell kommen, es handle sich um einen Notfall, eine Patientin von mir sei ganz außer sich und randaliere dort.
Ich bat meine Frau, kurz auf mich zu warten, ich sei bestimmt gleich zurück.

Der Anblick, der sich mir im Wohnheim bot, erschreckte mich. Eine Frau mit Demenz und großem psychischen Leid, die ich seit Jahren betreute, hatte eine psychotische Episode. Schon im Gang kam sie mir mit veränderter Stimme, ungewohntem Gangbild und einer hängenden rechten Schulter entgegen und gab seltsame Laute von sich. Die PflegerInnen saßen verängstigt im Dienstzimmer und trauten sich nicht mehr heraus.
Ich ging auf die Patientin zu und nannte sie beim Vornamen. Erst gab sie mir zur Antwort, dass ich ein Hurenbock sei und verschwinden solle, doch mit der Zeit machte sich unsere wirklich gute Beziehung bemerkbar und sie ließe sich dazu bewegen, auf ihren Platz im Essraum zu sitzen. Sie erzählte mir, welche Personen sie gerade sehe, dass ein Mann auf sie zukomme und sie misshandle, und dann rief sie wieder: „Lass mich los, schau, dass du weiterkommst, verschwind!“ Für mich war deutlich, dass sie halluzinierte, bis ich auf ihren Arm schaute, der sich tatsächlich nach außen drehte, als ob jemand daran ziehen würde. Einen Moment lang erstarrte ich und war mir selbst nicht mehr sicher, ob da nicht eine Geisterhand im Spiel sei. Doch dann betrachtete ich den Arm genauer und erkannte, dass der Oberarm gebrochen war. Die Frau war im Stiegenhaus über die Treppen gestürzt und aufgrund ihrer Schmerzen in eine psychotischen Zustand gefallen. Als mir das klar wurde, verständigten die PflegerInnen und ich sofort die Rettung und die Angehörige, welche mit in die Klinik fuhr.
Etwa gegen 22 Uhr war ich wieder zuhause, ganz mitgenommen von den Ereignissen, und viel zu erschöpft, um ans Ausgehen auch nur zu denken.

 

Geschichte einer Prägung: Ledig schwanger zu Kriegsende[1], nacherzählt von Dr.in Bettina Fraisl

Traudl war das jüngste von drei Kindern einer gut situierten Familie und wuchs behütet und gut umsorgt in Tirol auf. Ihr Vater, den sie für seine beruflichen Erfolge sehr bewunderte, nahm sie als einziges seiner Kinder manchmal auf Bergtouren mit – das waren wunderschöne Ausflüge für Traudl, auf denen sie sich ihrem Vater nahe fühlte, vertraut und geborgen, und die sie und ihre Liebe zu den Bergen sehr prägten. Bis ins hohe Alter zählten Spaziergänge und Wanderungen in der Natur zu den schönsten Momenten in ihrem Leben, erzählte Traudl immer wieder.

Als der 2. Weltkrieg ausbrach, war Traudl eine junge Frau, gerade erwachsen. Sie arbeitete fleißig und war in gutem Einvernehmen sowohl mit ihrem Arbeitsumfeld als auch mit ihrer Familie, die ihr sehr wichtig war. Oft betonte sie in ihren Erzählungen, dass man sich die Zeit damals heute kaum vorstellen könne. Wenn man später geboren sei, könne man nicht wissen, wie es damals war. Einmal habe eine Bombe das Haus direkt neben jenem ihrer Familie getroffen, es sei dadurch vollkommen zerstört worden. Die permanente Angst, der Schrecken ringsum, die allgemeine Orientierungslosigkeit und das Chaos hätten zu einer großen Unsicherheit geführt, zu einer Lebensweise ohne Pläne und ohne Planbarkeit.

 

Gegen Ende des Krieges übersiedelte die Firma, in der Traudl arbeitete, an einen anderen Ort, wo sie einen Mann kennen lernte, der vorübergehend dort lebte. Die beiden verbrachten manchmal ihre freie Zeit zusammen. In der herrschenden Stimmung, jedes Morgen sei ungewiss, lebten beide ganz im Moment und näherten sich einander auch körperlich an, ohne große Liebe und Zukunftspläne. Zu ihrem Entsetzen stellte Traudl bald fest, dass sie schwanger war, ledig schwanger und ohne Aussicht auf Heirat, was in ihrer Familie und ihrem gesellschaftlichen Stand verpönt und eine Schande war. Der Vater ihres unehelichen Kindes wurde bald außer Landes versetzt und sah sich außerstande, sich um sie und das Kind zu kümmern. Jahrzehnte später erfuhr sie von seinem Tod bei einem Schiunfall.

Für Traudl brach eine schwere Zeit an. Ihre Eltern empfanden es erwartungsgemäß als sehr schlimm, dass ihre jüngste Tochter unverheiratet ein Kind bekam und darüber hinaus nicht einmal eine ernsthafte Liebschaft vorzuweisen hatte. Insbesondere ihr Vater, dessen besonderer Stolz sie gewesen war, verwand die Schande, die sie damit über die Familie gebracht hatte, kaum. Nie sprach er mit ihr über das Kind und auch sonst sprach er bis zu seinem Tod kaum mehr mit ihr. Beim Essen verbot er seiner Tochter fortan, sich mit ihren Eltern gemeinsam an einen Tisch zu setzen. Für Traudl brach eine Welt zusammen, ihr Leben verlor seine Koordinaten. Die Menschen, die ihr am wichtigsten waren, denen sie sich nahe fühlte, behandelten sie, als wäre sie nun ein wertloses Nichts, anstatt ihr Trost, Annahme und Schutz zu gewähren.

Als sich später ein Mann nach bereits erklärtem Heiratsversprechen von ihr trennte, weil er offenbar doch eine Andere bevorzugte, meinte Traudl vor Scham zu vergehen. Bitter fasste sie den Beschluss, den Männern sei nicht zu trauen, es sei kein Verlass auf sie, weshalb es besser war, allein zu bleiben, verantwortlich zu handeln und sich nichts (mehr) zuschulden kommen zu lassen. Und obwohl sie diesem Beschluss treu blieb, traf sie die ganze Härte eines einzigen „Fehltritts“, den sie in gewisser Weise ihr Leben lang büßte und abzubüßen versuchte.

Anfang 1946 brachte Traudl ihr Kind zur Welt, das in verschiedenen Kinderheimen und Pflegefamilien aufwuchs. Sie versuchte ihr Bestes, um neben ihrer Arbeit und anderen Verpflichtungen, die sie auf sich nahm, darauf zu schauen, dass es dem Kind gut ging. Es selbst in Liebe aufzuziehen war ihr aus verschiedenen Gründen nicht möglich; u.a. fühlte sie sich ihrer Ursprungsfamilie, die das Kind nie wirklich als zugehörig akzeptierte, verpflichtet und versuchte sich die Anerkennung, die sie  vermisste, nicht nur mit Fleiß zu verdienen, sondern auch damit, dass sie zeigte, wo ihre Prioritäten lagen. Es war das Jugendamt, das immer wieder nach dem Kind fragte, wo es denn sei und was es tue. Traudls Mutter, eine fürsorgliche Frau, durfte sich laut ihrer Tochter nicht für ihr Enkelkind interessieren, weil sie sonst den Zorn ihres Mannes auf sich gezogen hätte. Und Traudl wollte ihre Mutter nicht belasten.

Während ihre Eltern sich von ihr abwandten, weil sie ihr offensichtlich schuldhaftes Vergehen vorwarfen, das nie durch eine spätere Heirat gesühnt worden wäre, unterstützte Traudl in den folgenden Jahren ihre bedürftiger werdenden Eltern und andere Verwandte zunehmend tatkräftig, indem sie sich um deren Befindlichkeiten und Belange kümmerte, damit es ihnen an nichts mangelte. Ihr Bemühen änderte jedoch an der Haltung ihres Vaters ihr gegenüber nichts; er blieb ablehnend bis zuletzt und starb schließlich unversöhnt, was einen tiefen bleibenden Schmerz bei Traudl hinterließ. Seine Frau folgte ihm nur wenige Jahre später.

Als Traudls Kind erwachsen war, verließ es Österreich. Seine Kindheit und Jugend hatte es als hart erlebt, hart vor allem aufgrund mangelnder Liebe und Annahme, einem mangelnden Zugehörigkeitsgefühl, alles getragen von mehreren Personen und Institutionen, aber gebündelt gefasst im Bild einer Mutter, die ihm unnahbar und ablehnend erschienen war und der es endlich zu entkommen galt. Einmal in den vier Jahrzehnten in der neuen Heimat besuchte Traudl ihr Kind, fühlte sich aber nicht wirklich willkommen und gewann den Eindruck, dem Kind lag es nicht an Kontakt mit ihr.

Mittlerweile ist Traudl selbst alt und pflegebedürftig. Sie ist geistig für ihr Alter sehr wach und beobachtet mit Vorliebe, ob die Leute in ihrer Umgebung wohl alles „richtig“ machen, so wie sie in ihrem Leben alles stets ordentlich gemacht habe. „Fehler“ sieht sie sofort und moniert sie mit Ausdauer und Schärfe. Neben einer klaren Struktur braucht Traudl ganz besonders viel Aufmerksamkeit, Entscheidungsfreiheit und (Selbstwert)Bestätigung. Sie reagiert sehr sensibel auf Einschränkung und Ablehnung. Ihre Verzweiflung über ihren eigenen Zustand und ihre Verluste wendet sie häufig aggressiv nach außen. Sie hat nicht gelernt zu trauern, sich selbst zu reflektieren, anderen zu verzeihen, sich zu verzeihen.

Vor ein paar Monaten war ihr Kind, nun bereits selbst in Pension, bei ihr zu Besuch, über ein paar Wochen hinweg immer wieder. Es war das erste Treffen seit fast zwei Jahrzehnten. Trotz neuer Verletzungen während der Begegnungen fand erstmals auch ein Stück aussöhnende Annäherung statt. Im Bewusstsein, dass dies die letzte Gelegenheit war, einander im persönlichen Kontakt zu begegnen, gelang es beiden trotz aller Einschränkungen und Barrieren, einander etwas von der Liebe und Anerkennung zu zeigen und zu geben, die beide schon so lange gebraucht hätten, und sich schließlich in Frieden voneinander zu verabschieden.


[1] Die Namen wurden geändert.